Mythos lebt

Mythen sind traditionelle, meist bildhafte Erzählungen, die bestimmte Vorstellungen über die Welt und das menschliche Leben vermitteln. Sie sind nicht das, was das Wort «Mythos» im modernen Sprachgebrauch häufig suggeriert: eine falsche Vorstellung. Im Gegenteil: Mythen beanspruchen einen hohen Wahrheitsgehalt. Sie erzählen von grundlegenden Erfahrungen und Fragen des menschlichen Daseins.

Über sehr lange Zeit wurden Mythen mündlich überliefert. Von Generation zu Generation wurden sie weitererzählt und auswendig weitergegeben. Die Menschen mussten sich genau merken, was sie erzählten.

Dazu sind wohl die meisten heute nicht mehr in der Lage. Unser Gedächtnis reicht kaum noch für ein wenig Poesie. Ab etwa 3000 v. Chr. wurden Geschichten schriftlich festgehalten. In der Antike entstanden bedeutende literarische Erzählungen. Seit der Erfindung des Buchdrucks um 1450 können fiktionale Geschichten in grossem Umfang verbreitet werden. Heute wissen wir oft nicht mehr, was erfunden und was wahr ist.

Das Narrativ hat den Mythos abgelöst. Ein Narrativ bringt Ereignisse, Personen und die Welt in einen bestimmten Zusammenhang. Es geht nicht nur darum, was passiert ist, sondern auch darum, wie es erzählt und interpretiert wird. Ein Narrativ vermittelt, wie etwas verstanden werden soll, und ist damit immer auch perspektivisch.

«Wir müssen unsere Demokratie verteidigen.» «Der Klimawandel gefährdet das Leben auf dem Planeten.» «Wir sind zu viele.» Solche Narrative können bestimmte Massnahmen legitimieren. Ob sie wahr sind oder nicht, ist dabei oft nebensächlich.

Mythos verbindet

Im Gegensatz zu einem rein zweckorientierten Narrativ beansprucht der Mythos einen tieferen Wahrheitsgehalt. Mythen sind Versuche, die Welt zu deuten. Hinter einem Mythos steht nicht nur ein einzelner Urheber. Er entsteht und verändert sich über lange Zeiträume und wird von vielen Menschen weitergetragen. Es geht um etwas Wesentliches – um etwas, das das Leben aller betrifft.

Das Interesse an den alten Erzählungen ist geblieben. Die tiefe Bedeutung eines Mythos erklärt vielleicht, warum er über Jahrtausende weitergegeben werden konnte. Viele dieser Geschichten werden noch heute erzählt, religiös gedeutet, literarisch verarbeitet und filmisch umgesetzt – wie etwa die Odyssee von Christopher Nolan.

Andere Mythen, die es bis in unsere Zeit geschafft haben, sind Schöpfungsmythen wie die Genesis, Geschichten von einer grossen Flut und einem Neubeginn der Menschheit, vom Baum des Lebens, von einem gefallenen oder rebellierenden Lichtbringer, von einem sterbenden und wiederkehrenden Gott, von verlorenem Wissen oder einem goldenen Zeitalter.

Ähnliche Geschichten tauchen in verschiedenen Kulturen auf. Ihre Grundmuster gleichen sich: Urzustand, Trennung, Abstieg, Dunkelheit, Vergessen, Erkenntnis, Rückkehr, Erneuerung. Es ist das Muster der Heldenreise, das in vielen Varianten wiederkehrt. Immer wieder geht es um eine Prüfung, die es zu bestehen gilt.

Zeitlos

In den über lange Zeit überlieferten Erzählungen versuchen Menschen, grundlegende Fragen über die Welt, die Götter, sich selbst, das Schicksal oder den Ursprung von etwas zu erklären. Es sind symbolische Erzählungen, die eine tiefere Wirklichkeit ausdrücken.

Viele dieser Geschichten zeugen von der Vorstellung, dass das menschliche Leben nicht auf eine einzige irdische Existenz beschränkt ist. Wir befinden uns auf einer Art kosmischer Reise, auf der wir immer wieder die Schwelle von Geburt und Tod überschreiten.

Mythos ist eine Sprache für innere und kosmische Prozesse, ein Abbild dessen, was im Menschen selbst geschieht. Die grossen Fragen des Daseins werden gestellt: Woher kommen wir? Warum gibt es Leid und Tod? Was ist gut und böse? Was geschieht nach dem Tod? Warum ist die Welt so, wie sie ist?

Ob vor Tausenden von Jahren oder heute: Die Fragen sind dieselben geblieben. So erklärt sich auch die anhaltende Faszination für Verfilmungen grosser Mythen wie Troja, Kampf der Titanen, Thor, Wonder Woman, Hercules, Noah oder Beowulf. Auch wenn diese Filme die ursprünglichen Stoffe oft frei interpretieren, tragen sie etwas in sich, das Menschen bis heute berührt. Mythen sind zeitlos. Und sie sind Überbringer einer Nachricht. Sie tragen Sinn in sich – einen Sinn, der Jahrtausende überdauert hat.

Lasst die Mythen los!

Mythen können helfen, die Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Sie schaffen Abstand, einen Raum zwischen damals und heute, und ermöglichen einen weiteren Blickwinkel. Damals wie heute können sie helfen, Antworten auf die grossen Fragen zu finden.

In einer Zeit des Umbruchs, wie wir sie gerade erleben, können sie Orientierung geben. Ihre Helden sind Archetypen für die Bewältigung von Schwierigkeiten und Problemen. Sie können uns durch Herausforderungen führen, durch enge Passagen zwischen Dunkel und Licht.

Sophia erinnert an den heiligen Funken, den wir in uns tragen. Odin steht für Wissen und Weisheit, Thor für Stärke und Schutz, Achilles für den verletzlichen Helden. Osiris steht für Tod und Wiedergeburt, Demeter für Mutterliebe und Fruchtbarkeit, Inanna für Transformation und Lilith für Selbstbestimmung.

Wer sich mit Mythen beschäftigt, steigt selbst ein wenig in die Geschichte ein. Wir sind nicht mehr nur Zuschauer eines Films, sondern werden aktiv. Es wird spannend. Nicht als Fiktion, sondern in gewisser Weise in echt. Denn sie alle sind in uns – von Aphrodite bis Zeus – und stellen Aspekte unserer selbst dar. Viel interessanter, als sich von einem Narrativ führen zu lassen, ist es, selbst die Fäden der eigenen Geschichte in die Hand zu nehmen.



c

Lorem ipsum dolor sit amet, unum adhuc graece mea ad. Pri odio quas insolens ne, et mea quem deserunt. Vix ex deserunt torqu atos sea vide quo te summo nusqu.