In vino veritas
Ich trinke gerne Wein. Nicht nur, weil ich in Südfrankreich lebe. Ich liebe die geschmackliche Vielfalt, das Lebensgefühl, das damit einhergeht, und die Leichtigkeit, in die Wein zu versetzen vermag. Jedoch: Während an jeder Ecke die nächste Pandemie zu lauern scheint, wir in der Hitze zu verglühen drohen und der dritte Weltkrieg vor der Tür steht, wird der Weingenuss durch jene vergällt, die im Alkoholkonsum eine der grössten Gefahren für unser Leben sehen.
Ein Glas schon sei zu viel. Es gebe keine unbedenkliche Menge Alkohol. An den alarmierenden Meldungen kommt man auch in meinem idyllischen Winzerort nicht vorbei. Alkohol steigere das Risiko für verschiedene Krebsarten, belaste die Leber und erhöhe das Risiko für Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen und Schlaganfälle. Er beeinträchtige die Konzentration, die Reaktionsfähigkeit und die Schlafqualität und könne langfristig Gedächtnis und Gehirnfunktion beeinträchtigen. Und: Alkohol kann abhängig machen.
Alkohol ist das Problem – nicht die Fungizide, Insektizide und Herbizide, die auf die Reben gesprüht werden und die an manchen Sommermorgen schwer in der Luft liegen. Nicht die Umweltgifte sollen die Gesundheit schwer schädigen, sondern der regelmässige Genuss eines guten Glases Wein. Oder auch zwei oder drei.
Anstatt der unbeschwerten Geselligkeit feuchtfröhlicher Runden gibt es strenge Blicke und womöglich schon bald abgetrennte Bereiche für die, die sich am Wein berauschen, während diejenigen unter sich bleiben, die nach Arbeit süchtig sind oder Sport, nach sozialen Medien oder Spielen, nach Online-Shopping oder Pornografie, nach Soda, Zucker, Medikamenten oder Fastfood, kurz: nach allem, was sonst noch Abhängigkeiten erzeugen kann.
Falscher Alarm?
«Rotwein, ein vergessenes Medikament» titelt das aktuelle belgische Gesundheitsmagazin Néosanté. Demnach ist Wein weit mehr als ein alkoholisches Getränk. Er ist ein wichtiger Bestandteil der europäischen Kulturgeschichte, der historische, medizinische, kulturelle und spirituelle Aspekte verbindet.
Über Jahrtausende hatte Wein einen hohen Stellenwert. Zu den ersten Wundern Jesus gehörte es, Wasser in Wein zu verwandeln. Wein galt als das Blut der neuen Allianz des Menschen mit Gott. Jesus war der Weinstock, die Apostel die Reben und Gott der Winzer.
Wie Honig galt Wein als Götterspeise. Nach der antiken Humoralmedizin hatte Wein die Qualität, den Körper wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Die meisten Krankheiten wurden auf einen Überschuss von Feuchtigkeit und Kälte zurückgeführt. Im Gegensatz zu Wasser galt Wein als trocken und warm.
Die hippokratische Medizin setzte Wein gezielt als Heilmittel ein und zog ihn dem Wasser vor. Gegen jede Krankheit war nicht nur ein Kraut gewachsen, sondern auch eine Weinsorte. Auch mittelalterliche Ärzte wie Hildegard von Bingen glaubten, Wasser schwäche den Körper, während dem Wein heilende Kräfte zugesprochen wurden.
Als wissenschaftlich erwiesen gilt heute, dass Wein das Herz-Kreislauf-System schützt, antioxidativ wirkt, Alterungsprozesse verlangsamt, das Risiko bestimmter neurodegenerativer Erkrankungen senkt, das Darmmikrobiom positiv beeinflusst und den Schlaf fördert. Wein ist fester Bestandteil der hoch geschätzten und lebensverlängernden Mittelmeerdiät. Er kann die Entspannung fördern, Traurigkeit lindern, Geselligkeit und Gemeinschaft stärken und Kreativität und Inspiration begünstigen.
Gesundheit!
Diese Tugenden jedoch scheinen in Vergessenheit geraten zu sein. In der heutigen materialistischen, leistungsorientierten und produktivitätsfixierten Gesellschaft haben wir den Bezug zu Traditionen und Spiritualität verloren. Schmerz- und Schlafmittel und Psychopharmaka werden Emotionen und Kontrollverlust vorgezogen. Man ist beherrscht. In jeder Hinsicht.
Vorbei die einstige Poesie des Weines, die Zeit des Dionysos und der Bacchanten, der befreiende, kathartisch wirkende Rausch. Wir halten fest, anstatt loszulassen. Vergeblich klopft der Mensch an die Türen der Musen, die dem nicht öffnen, der sich zu sehr beherrscht. Heute gibt es Feste ohne Alkohol, ohne Lärm, ohne Exzesse, um am Tag darauf wieder produktiv zu sein.
Schade. Es täte uns sicher gut, ein wenig lockerer zu werden, ein wenig entspannter, ein wenig fröhlicher. Dazu braucht es keinen Alkohol. Aber er kann nicht schaden, jedenfalls nicht so, wie die aktuelle Gesundheitsmode es vorgibt. Und in den südlichen Ländern Europas weiss man immer noch, dass Wein etwas mit Gesundheit zu tun hat. Santé!
