Frauen und MännerDie grosse Mutter

Die grosse Mutter

Als alles noch eins war, wurde aus den Feuern der Schöpfung ein Universum geboren. Durch einen einzigen Gedanken konnten Welten entstehen. Es war der weibliche Teil des grossen Ganzen, dem die Fähigkeit des Gebärens zukam. Eines Tages, so ein alter Mythos, gebar dieser Teil den Gedanken, wie es wohl wäre, alleine aus sich heraus schöpferisch zu sein. Kaum war dieser Gedanke in die Welt gebracht, wurde er verworfen. Doch es war bereits geschehen!

Das abgetriebene Kind existierte. Was einmal in die Welt gekommen ist, das geht nicht wieder weg. Die Energie auch nur der geringsten Idee wird nicht mehr verschwinden, so wie auch die Materie sich stets nur wandelt und nicht weggeht. Was einmal erschaffen ist, wird sich verändern und immer neue Formen annehmen.

Der Sophia-Mythos zählt zu der gnostischen Schrift Hypostasis der Archonten. Sie wurde im Jahre 1945 im ägyptischen Nag Hammadi gefunden und zeugt vom Ursprung der Welt. Der Mythos erzählt, wie Sophia versucht hatte, aus sich selbst heraus ein Werk zu schaffen, das dem zuerst existierenden Licht gleich sein sollte. Mit ihrer Tat schob sich ein Vorhang zwischen die oberen und unteren Lichtbereiche. Unterhalb des Vorhangs dehnte sich ein Schatten aus, der zu Materie wurde. Aus dieser Materie bildete sich eine Wesenheit, die als blinder Gott bezeichnet wird.

Hinter dem Vorhang

Dieser hielt sich für den einzigen Gott. Allein und eifersüchtig herrschte er über die Menschen, bevorzugte die Gehorsamen und bestrafte die, die sich ihm nicht untertan machen wollten. Demiurg wird das abgetriebene Kind der Sophia genannt. Er gilt als der Anführer der Archonten, dämonische Wesen, die sich der Fülle lichter geistiger Wesen entgegenstellen und die Menschen in der Materie gefangen halten. Als Gier sind sie bekannt, als Neid, Hochmut, Wollust, Völlerei, Trägheit und Zorn. Wir kennen sie als die Eigenschaften, die wir in uns nicht sehen wollen und die wir zu verstecken versuchen.

Wer sich im aktuellen Geschehen umschaut, der kann sie sehen, die Fratzen des Verdrängten, die das Schlimmste über die Erde ergiessen und das Abscheulichste sichtbar machen, zu dem Menschen fähig sind. Unmenschen scheinen am Werk zu sein, wahrhaftige Wesen der Finsternis, deren Taten nicht allein dadurch Erklärung finden, von Gier und Machtstreben gelenkt zu sein. Das Böse selbst scheint sich auf der Erde auszutoben, seit wir hinter den Vorhang gefallen sind.

Ziel der Gnostiker ist es, die Menschen aus der Gefangenschaft der niederen Welt zu befreien. Erlösung ist dann möglich, wenn wir erkennen, dass wir den göttlichen Funken in uns tragen. Der Demiurg und seine Archonten können uns nichts anhaben, wenn wir entdecken, welchen Ursprungs wir wirklich sind.

Die Erkenntnis des höchsten Göttlichen in sich selbst ist der Weg, auf dem Sophia die Menschen begleitet. Als sie gewahr wurde, was sie angerichtet hatte, stieg sie, die Mutter aller Schöpfung, aus den Himmeln herab auf die Erde. Nicht eher wird sie wieder aufsteigen, bis der letzte Mensch den göttlichen Funken in sich erkannt hat.

Hier und jetzt

Das Wissen in den gnostischen Schriften ist nicht leicht zugänglich. Der Autorin Anaiya Sophia ist es gelungen, das komplexe Wissen in eine mythisch-spirituelle Erzählung zu betten, einen Roman, dessen erster Teil von Johanna Schütte ins Deutsche übersetzt wurde. (1) Gnostische Weisheit und moderne Erzählkunst treffen zusammen und bilden ein Werk, das heute aktueller denn je ist.

Einsam, gebrochen und blind gegenüber ihrer eigenen Göttlichkeit lebt die moderne Sophia in einem Vorort von Los Angeles. Nach ihrer Trennung von einem tyrannischen, eifersüchtigen und finsteren Partner findet sie sich im Süden Frankreichs wieder. Hier begegnet sie Ereignissen, die sie dazu zwingen, sich daran zu erinnern, wer sie in Wirklichkeit ist. Nach und nach erkennt Sophia die wahre Identität des dunklen Herrschers, die verzweifelte Lage der Menschheit und ihren eigenen Auftrag.

«Die Rosenritterin» holt den uralten Mythos in die Gegenwart. Sophia, das sind wir. Wir sind dazu aufgefordert, den Stoff in die moderne Welt zu bringen, wo er so dringend gebraucht wird. Nicht als abstraktes Wissen, sondern als lebendige Führung in einer uns alle betreffenden Situation existenzieller Bedrohung.

Wir sind Sophia

Mit Sophia geht es um jeden einzelnen von uns. Aus freien Stücken kam sie auf die Erde, eine Mutter, die ihre Kinder nicht alleine lässt und die bereit ist, alles zu erleben, was es zu erleben gilt. Sie macht das Göttliche erfassbar und alltagstauglich. Wir alle haben eine Mutter. Wir alle sind geboren worden. Wir alle haben einen Ursprung. Uns alle geht die Geschichte Sophias an.

Sie ist mehr als eine mythische Erzählung. Sie ist ein Bild unserer eigenen Seele, ein Spiegel für unsere innere Entwicklung . Sophia lehrt uns, dass wir in jedem Augenblick unseres Lebens schöpferisch tätig sind. Wir erschaffen aus dem Moment heraus, so gut wir es können. Wie Sophia tun wir es aus einer unbedarften Neugierde heraus und erschrecken bisweilen, wenn wir das Resultat erkennen. Mit diesem Unerwarteten, Unbekannten gilt es umzugehen. Es gilt zu lernen, uns für unser vermeintliches Scheitern nicht zu verurteilen, sondern uns immer wieder zu erlauben, aus der Freude am Schaffen heraus und in spielerischer Unschuld die Dinge ins Leben zu bringen.

Sophia ist die praktische Seite im Leben. Sie lehrt uns zu fühlen und macht uns Mut, die Verbindung zu leben und im Alltag zu verkörpern. Sie ist hier auf der Erde, um uns zu zeigen, dass die Schöpfung für uns sorgt und es gut mit uns meint. Hier bleibt sie, so lange, bis der letzte Mensch die gute Nachricht verinnerlicht hat und dorthin zurückgekehrt ist, wo wir alle zu Hause sind.

Alles, was Sophia tut, geschieht aus Liebe. In der Liebe wird sich letzlich alles wieder auflösen. Wir erfahren, dass wir gut aufgehoben sind. Auch wenn es im Moment nicht sichtbar ist : Das Paradies ist schon da. Uns muss nicht verziehen werden. Es ist uns bereits verziehen. Wir müssen nicht ständig versuchen, alles besser zu machen. Wir sind schon gut genug. Den einzigen Fehler, den wir machen können, ist, neben uns zu stehen und nicht präsent zu sein.

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