Dumm gelaufen

In dem südfranzösischen Winzerort, in dem ich lebe, ist die Welt noch in Ordnung. Oder? Was sollte schon nicht stimmen zwischen reifenden Reben und altertümlichen Steinmauern als die Uhrzeit auf dem Kirchturm? Es ist der Brunnen vor meinem Haus, der kein Wasser mehr gibt. Nicht aufgrund von Wasserknappheit, sondern weil ihn niemand repariert. Niemand mehr, der seine Flaschen füllt, kein erhitzter Wanderer, der sich erfrischt, keine Pflanzen mehr, die begossen werden, kein Tier, das sich laben kann. 

Der Grund: Menschen, die sich gegenseitig schwarze Peter zuschieben und mit einem Wörtchen betiteln, das alles sagt: con. Drei Buchstaben, die einem auf der Zunge zergehen. Sie bedeuten, dass der andere ein Idiot ist, ein Nichtsnutz, ein Schwindler gar. 

Bevor es ein allgemeines Schimpfwort wurde, bezeichnete es das weibliche Geschlecht. Vor allem im Mittelmeerraum erfreut es sich grosser Beliebtheit und wird häufig und geradezu genüsslich benutzt. Depp. Trottel. Tölpel. Armleuchter. Einfaltspinsel. Hanswurst. Con. Der andere ist es, der sie nicht mehr alle hat. Er ist schuld, dass der Brunnen kein Wasser mehr gibt. 

Eigentlich wäre das Problem leicht zu beheben. Zwei Seiten müssten sich zusammensetzen und miteinander reden. Gestandenen Männern müsste es gelingen, sich wie Erwachsene zu benehmen. Sie müssten einander zuhören. Jeder müsste in einer wertschätzenden Atmosphäre seinen Standpunkt vorbringen können. Dann würden alle zusammen einen Kaffee trinken, das Brunnenproblem in kürzester Zeit lösen und Dorfbewohner, Radfahrer, Spaziergänger, Katzen, Hunde und Vögel könnten sich wieder erfrischen.

Dumm gelaufen

Doch warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Fronten verhärten sich. Sommerfeste werden nicht mehr gemeinsam gefeiert, Wege gemieden, Hände nicht mehr geschüttelt. Schuld ist die andere Seite. Man selbst ist in Ordnung. Man kann ja nicht anders. Der andere zwingt einen ja, sich ebenso zu verhalten, wie man es ihm vorwirft: con

Anstatt gemeinsam klüger zu werden, wird man getrennt immer dümmer. Dabei würde es reichen, den Mut zu haben, sich einmal an die eigene Nase zu fassen. Doch Posten und Muskeln sind hierfür keine Garantie. Jeder arbeitet sich dort ab, wo er ohnehin nichts ausrichten kann und alles nur noch schlimmer macht. Schwerer als eine Herkulesaufgabe scheint es zu sein, das eigene Verhalten in Frage zu stellen. 

Stur? Ist der andere. Herablassend, eitel, intolerant? Rücksichtslos, egoistisch, neidisch, gierig, aggressiv, verlogen, hinterhältig, verantwortungslos? Ich doch nicht! Ich meine es ja nur gut. Wenn die anderen das nur endlich begreifen würden! Immer lauter tut man es kund in einer Welt voller Schwerhöriger und Begriffsstutziger, und provoziert schliesslich das, was es überall gibt: Kampf.

Gegenmittel

Auf den Platz mit dem alten Olivenbaum werden Tische und Stühle gestellt. Jeder Nachbar bringt, was er hat. Immer länger wird die Tafel. Einheimische, Zugezogene, Besucher – alle sind da. Alte und Junge, Familien mit Kindern, Menschen verschiedener Nationalitäten. Sprachen vermischen sich. Gekostet wird, was jeder auf den Tisch stellt. 

Der Brunnen ist trocken. Die Kirchturmuhr geht falsch. Die Gemeindeverwaltung ist sich uneins. Das hindert die Dorfbewohner nicht daran, es anders zu machen. Sie organisieren sich von unten. Handgeschriebene Einladungen in Briefkästen. Eine Quiche. Eine Flasche Wein. Ein wenig Neugierde. Ein freundlicher Blick. Ein offenes Ohr. Die Bereitschaft, sich auf andere einzulassen.

Viel mehr braucht es oft nicht, um einen Boden dafür zu schaffen, Meinungsverschiedenheiten und Konflikte zu überwinden, die es überall gibt, wo Menschen zusammenkommen. Und wenn man dann zusammen lacht, entfaltet das Wörtchen con seine fast liebevolle Bedeutung. Ich bin es selbst gewesen. Jetzt bin ich es nicht mehr. Denn ich habe erkannt, dass nicht die anderen das Problem sind, sondern vielleicht mein eigenes Verhalten. 



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